Unsicherheit offen kommunizieren
Auch: Evidenz-Lücken, Unsicherheit SDM
Wenn Evidenz unklar ist oder Prognose unsicher: das offen sagen — nicht falsche Sicherheit vermitteln. Patient kann mit Unsicherheit umgehen; mit verschwiegener Unsicherheit nicht.
Worum geht's?
Medizinisches Wissen ist oft unsicher — bei seltenen Erkrankungen, neuen Therapien, individuellen Verläufen. Diese Unsicherheit zu verschweigen ist verlockend (gibt Sicherheit), aber problematisch: stellt sich später heraus, dass es anders kam, ist Vertrauen weg. Offene Unsicherheits-Kommunikation ist anspruchsvoll, aber tragfähiger.
Wann einsetzen?
- •Bei unklarer Evidenz oder seltenen Erkrankungen.
- •Bei individuell sehr unterschiedlichen Verläufen.
- •Wenn Patient explizit nach Prognose fragt und keine sichere Antwort möglich ist.
Wann NICHT?
- •Bei gut etablierten, klaren medizinischen Befunden.
- •Wenn Unsicherheit zur Verschleierung von Inkompetenz benutzt würde.
So machst du's
- 1Klar benennen: „Hier sind wir an einer Stelle, wo die Evidenz nicht so eindeutig ist.“
- 2Bandbreite angeben statt Punktwert: „… in den meisten Fällen 60–80 %, individuell schwer vorhersagbar.“
- 3Unsicherheit nicht als Schwäche darstellen — als ehrliche Information.
- 4Patient nach Bedarf fragen: „Hilft es Ihnen, die Bandbreite zu kennen — oder lieber Beispiele?“
Beispiele
Wie hoch ist die Chance, dass das wirkt?
Bei dieser Therapie sehen wir eine Wirksamkeit zwischen 50 und 80 Prozent — sehr individuell. Wir wissen leider nicht im Vorfeld, wer in welche Gruppe fällt. Aber wir können nach 4 Wochen schon recht gut sehen, ob es bei Ihnen wirkt.
Bandbreite, ehrliche Unsicherheit, klar wie es weitergeht — Patient bleibt orientiert.
Die Wirksamkeit liegt bei etwa 70 Prozent.
Falsche Präzision. 70 % ist Median, individuell weit gestreut. Verheimlicht die echte Unsicherheit.
Ehrlich gesagt, das wissen wir bei Ihrer seltenen Erkrankung gar nicht — kann sein, kann auch nicht sein.
Unsicherheit ohne Struktur — Patient bleibt mit Hilflosigkeit allein. Besser: Unsicherheit + Plan, was zu beobachten ist.
Häufige Fallstricke
- •Falsche Präzision (Punktwerte ohne Spannweite).
- •Unsicherheit als Inkompetenz darstellen.
- •Mit ungefilterter Unsicherheit überfordern, ohne Handlungsplan.