Offene Fragen (OARS)
Auch: Open Questions, Offene Fragen MI
Fragen, die mit „Was“, „Wie“ oder „Inwiefern“ beginnen — und nicht mit Ja/Nein beantwortbar sind. Die Tür für jedes vertiefende Gespräch.
Worum geht's?
Offene Fragen sind das O in OARS — dem Akronym der vier zentralen MI-Techniken (Open Questions, Affirmations, Reflections, Summaries). Sie laden zur Exploration ein, aktivieren das Nachdenken und liefern reichhaltigere Antworten als geschlossene Fragen. MI unterscheidet acht funktionale Subtypen — von erzählgenerierenden Lebensweltfragen über Selbsterkundungs- und Ambivalenzfragen bis zu evokativen Diskrepanzfragen — die je nach Gesprächsphase und Anliegen unterschiedlich wirken.
Wann einsetzen?
- •Beim Beziehungsaufbau und in der Anamnese — erzählgenerierende Situations-/Lebensweltfragen öffnen den Raum.
- •Zur Vertiefung nach einer Aussage — Vertiefungsfragen schließen direkt an das Gesagte an.
- •Zur Exploration der Innenwelt — Selbsterkundungsfragen richten den Blick auf Gedanken, Gefühle, Selbstbild.
- •Zur Klärung von Prioritäten, Wünschen, Werten — was ist dem Patienten wichtig.
- •Zur Sichtbarmachung von Hürden — Schwierigkeitsfragen erkunden erwartete Hindernisse.
- •Bei Ambivalenz — Ambivalenzfragen adressieren beide Seiten explizit (Pro/Contra).
- •Zur Förderung von Change Talk — evokative Fragen locken Wunsch, Fähigkeit, Gründe, Bedarf hervor.
- •Bei Wert-Verhaltens-Diskrepanz — Diskrepanzfragen machen die Spannung zwischen aktuellem Verhalten und eigenen Werten/Zielen sichtbar.
Wann NICHT?
- •In akuter Krise — zuerst stabilisieren.
- •Bei klaren Sachfragen, wo eine geschlossene Frage genügt („Nehmen Sie die Tabletten?“).
- •Direkt nach einer emotionalen Aussage — zuerst reflektieren.
- •Im „Fragehagel“ — nicht mehrere offene Fragen hintereinander.
So machst du's
- 1Mit „Was“, „Wie“, „Inwiefern“, „Erzählen Sie …“ beginnen.
- 2„Warum“ vermeiden — klingt vorwurfsvoll und drängt zur Rechtfertigung.
- 3Eine Frage stellen, dann zuhören. Nicht nachschieben.
- 4Nach der Antwort spiegeln, bevor die nächste Frage kommt.
Beispiele
Was beschäftigt Sie bei dieser Entscheidung?
Wie stellen Sie sich das idealerweise vor?
Häufige Fallstricke
- •Suggestivfragen tarnen sich oft als offene Fragen („Was finden Sie nicht alles toll an dieser Therapie?“).
- •Frage-Antwort-Pingpong — zwischen offenen Fragen immer wieder reflektieren.
- •Superlativ-Fragen ohne Priorisierungs-Anlass („Was beschäftigt Sie **am meisten**?“, „Was ist Ihnen **am wichtigsten**?“) erzwingen eine Rangordnung und verengen die Exploration — lieber plural-offen formulieren („Was beschäftigt Sie bei dieser Entscheidung?“). Ausnahme: Fokussierungs-Phase, wenn mehrere Themen schon auf dem Tisch liegen und der Patient bewusst wählen soll.
Abzugrenzen von
Eine offene Frage öffnet — eine Reflektion vertieft. Idealerweise 2–3 Reflektionen pro offener Frage.
Verwandte Einträge
Diesen Eintrag auch im Glossar:
/wissen/mi-open-questions