Glossar

Glossar Calgary-Cambridge-Modell

Das Calgary-Cambridge-Modell beschreibt das Gespräch als strukturierbaren, aber nicht mechanisch-linearen Prozess: Eröffnung, Informationssammlung, Erklärung und Abschluss — begleitet von Beziehungsaufbau und Strukturierung.

Calgary-Cambridge-Modell

Das Calgary-Cambridge-Modell beschreibt die medizinische Konsultation als strukturierbaren, aber nicht mechanisch-linearen Prozess. Die klassischen Phasen sind Eröffnung, Informationssammlung, Erklärung & Planung und Abschluss. Gleichzeitig laufen zwei Querschnittsaufgaben durch das gesamte Gespräch: Beziehungsaufbau und Strukturierung des Gesprächs.

Der zentrale Gedanke lautet: Eine gute Gesprächsführung verbindet systematische Informationsgewinnung, Orientierung, verständliche Erklärung und gemeinsame Planung mit einer Beziehungsgestaltung, die das Gegenüber zur aktiven Mitwirkung einlädt.

Die vier Phasen sollten nicht als starre Checkliste verstanden werden. Das ist ein wichtiger Punkt des Calgary-Cambridge-Ansatzes: Die Struktur dient der Orientierung, während das Gespräch flexibel an Situation und Gegenüber angepasst wird.

Eröffnung

Die Eröffnung schafft den Rahmen für das gesamte Gespräch. In CommTrain eröffnet die Patientin/der Patient mit einem Anliegen. Die med. Fachperson greift das Anliegen idealerweise so auf, dass ein Vertrauensaufbau gelingt und gegebenenfalls der Rahmen und die Erwartungen klar werden.

Ein frühes gemeinsames Festlegen von Themen kann den Gesprächsfluss erleichtern, gerade wenn mehrere Anliegen und Zeitdruck zusammentreffen. Sofern sich Fachkraft und Patient:in bereits kennen, schafft das Anknüpfen an Vorwissen/Vorgespräche eine tragfähige Basis.

Stolperfallen
  • Sofort in den Faktenmodus: Die erste Äußerung ist bereits eine Detailfrage oder ein Informationsblock.
  • Unklarer Fokus: Das Gespräch hat für beide Seiten unterschiedliche Ziele, ohne dass dies sichtbar wird.
  • Agenda als starre Checkliste: Eine Agenda soll Orientierung geben, nicht die spontane Reaktion auf das Gegenüber verhindern.
  • Versteckte Anliegen übersehen

Mehr dazu:Gesprächseröffnung

Informationssammlung

Informationssammlung bedeutet nicht lediglich Anamneseerhebung, sondern die systematische Erfassung dessen, was für die klinische Situation und für das Verständnis des Gegenübers relevant ist. Die Calgary-Cambridge-Logik verbindet hier Effizienz und Effektivität von klinischer Datenerhebung – die subjektive Krankheitswahrnehmung, die Bedenken können eingebracht werden und als ebenso relevante Informationen verstanden.

Calgary-Cambridge unterscheidet dabei implizit zwischen:

  • biomedizinischer Perspektive: Symptome, Verlauf, Befunde, Medikamente; Vorerkrankungen, Risikofaktoren
  • Perspektive der betroffenen Person: Vorstellungen, Sorgen, Erwartungen, Alltag, Auswirkungen der Erkrankung, individuelle Bedeutung des Problems

Die entscheidende kommunikative Fähigkeit besteht darin, zwischen offenen und fokussierten/geschlossenen Fragen flexibel zu wechseln.

Beispiel

  • „Erzählen Sie mir bitte, wie sich die Beschwerden entwickelt haben.“

Dann fokussieren

  • „Seit wann genau besteht der Schmerz?“
  • „Ist er dauerhaft oder kommt er in Schüben?“
  • „Gibt es bestimmte Situationen, in denen er stärker wird?“

Dann die persönliche Perspektive

  • „Was besorgt Sie besonders?“
  • „Was denken Sie selbst, woher das kommen könnte?“
  • „Was hatten Sie gehofft, dass wir heute klären können?“

Die Logik dahinter: Ein gutes Gespräch ist deshalb weder „Erzählen Sie einfach alles.“ noch „Trommelfeuer aus 15 Einzelfragen.“

Stolperfallen
  • Reine Faktensammlung: Es werden nur medizinische Daten erhoben.
  • Verhörstil: eine geschlossene Frage folgt unmittelbar auf die nächste.
  • Zu frühes Fokussieren: Das Gespräch wird auf die vermutete Diagnose verengt, bevor die Person ihre Geschichte schildern konnte.
  • Perspektive des Gegenübers ausblenden: „Was haben Sie?“ wird verstanden als „Welche Symptome haben Sie?“, nicht als „Wie erleben Sie Ihr Problem?“
  • Ungeduld: Die Person erhält zu wenig Raum, um ihr Anliegen zunächst selbst zu formulieren.
  • Ausbleibende Fokussierung: ungerichtet, ineffizient, planlos und verunsichernd
  • Selektives Zuhören: Es wird zwar ein Fakt gehört, aber nicht auf seine emotionale oder alltagsbezogene Bedeutung reagiert.

Mehr dazu:Informationssammlung

Erklärung & Planung

Wenn ausreichend Informationen gesammelt wurden und ein gemeinsames Verständnis hergestellt werden konnte (evtl. auch in Vorgesprächen und Voruntersuchungen) beginnt die Phase der verständlichen Erklärung und ggf. Planung. Besonders wichtig bei:

  • neuen Diagnosen,
  • irrationale Sorgen,
  • komplexen Befunden,
  • Therapieerklärungen,
  • Prognosen,
  • Medikamentenänderungen,
  • Entlassungsplanung,
  • komplexen nächsten Schritten.

Dazu gehören typischerweise:

  • Befunde und Zusammenhänge erklären
  • Bedeutung für die konkrete Person erläutern
  • Prognose oder Unsicherheit einordnen
  • Optionen und Konsequenzen besprechen
  • Verständnis prüfen (teach-back)
  • Fragen ermöglichen
  • nächste Schritte planen
  • bei komplexeren Gesprächen: Signposting = explizites Markieren der Gesprächsstruktur „Zuerst erkläre ich Ihnen den Befund, danach…“
Beispiel Verständnis prüfen (teach-back)

Verständnis sollte nicht nur über „Haben Sie das verstanden?“ geprüft werden.

Besser

  • „Was nehmen Sie aus dem Gespräch bisher für sich mit?“
  • „Wie würden Sie die beiden Möglichkeiten mit Ihren eigenen Worten beschreiben?“

Der Gedanke dahinter: Ein „Ja“ auf die Frage „Alles verstanden?“ liefert nur wenig Information.

Stolperfallen
  • Informationsmonolog: Die Fachperson spricht lange, ohne zu prüfen, ob die Information tatsächlich angekommen ist.
  • Fachjargon: Die Information ist fachlich korrekt, aber nicht adressatengerecht formuliert.
  • Zu viel Information auf einmal: Relevantes und weniger Relevantes werden gleich behandelt.
  • Fehlendes Signposting: Das Gespräch springt zwischen Befunden, Prognose und Therapie hin und her.
  • Pseudoverständnis: „Alles klar?“ – „Ja.“ – Gespräch geht weiter.
  • Erklärung ohne Planung: Die Person versteht den Befund, weiß aber am Ende nicht, was konkret als Nächstes passiert.

Mehr dazu:Erklärung und Planung

Abschluss

Der Abschluss stellt sicher, dass aus dem Gespräch ein gemeinsames und verständliches Ergebnis hervorgeht. Insofern ist der Abschluss nicht bloß eine Höflichkeitsformel, sondern eine letzte Verständigungs- und Koordinationsphase. Das abschließende Zusammenführen von Informationen und die Vereinbarung der nächsten Schritte können entscheidend dafür sein, dass aus einem Gespräch ein gemeinsamer Plan wird.

Elemente (verwenden, was zur Situation passt)
  • Zusammenfassung der wesentlichen Punkte und/oder getroffener Vereinbarung
  • klare nächste Schritte
  • Zuständigkeiten und ggf. Zeitrahmen
  • Sicherheits- bzw. Rückkehrhinweise (safety netting)
  • Möglichkeit für letzte Fragen oder noch offene Anliegen

Beispiel

  • „Dann fasse ich kurz zusammen: Zunächst machen Sie die Physiotherapie weiter und versuchen, dreimal die Woche die besprochenen Übungen zu machen. Wir sehen uns in sechs Wochen wieder. Sollte die Kraft deutlich nachlassen oder neue Taubheitsgefühle auftreten, melden Sie sich früher. Gibt es noch etwas, das Ihnen für die nächsten Wochen unklar ist?“

Damit wird geklärt: Was haben wir verstanden? – Was machen wir? – Wer macht was? – Wann passiert etwas? – Wann muss reagiert werden?

Stolperfallen
  • Abrupter Abschluss: „Gut, dann wären wir fertig.“
  • Kein gemeinsamer Plan: Die Person geht mit Informationen, aber ohne konkrete nächste Schritte.
  • Keine Rückfragen: Es wird angenommen, dass alle Fragen beantwortet sind.
  • Unklare Verantwortlichkeit: Es bleibt offen, wer was veranlasst.
  • Kein Sicherheitsnetz: Es wird nicht erklärt, wann und unter welchen Umständen erneut Kontakt aufgenommen werden soll.
  • Neue Information ignorieren: Unmittelbar vor dem Verabschieden taucht noch ein relevantes Anliegen auf („Doorknob concern“), wird aber aus Zeitgründen verschoben. Gerade diese, evtl. auch schambesetzten Anliegen/Sorgen haben nicht selten eine hohe Relevanz und bedürfen der Dokumentation.

Mehr dazu:Gesprächsabschluss

Grundgedanken des Modells

1. Struktur statt Skript

Eine gute Struktur bedeutet nicht: „Jetzt muss ich Frage 1–10 stellen.“ Sondern: „Ich weiß, welches kommunikative Ziel ich gerade verfolge.“ Das erklärt auch, warum ein Gespräch trotz Abweichung von der idealtypischen Reihenfolge professionell sein kann.

2. Beziehung und Struktur laufen gleichzeitig

Das Calgary-Cambridge-Modell versteht Beziehungsaufbau und Gesprächsstrukturierung als Querschnittsaufgaben, nicht als isolierte Gesprächsphase. Deshalb kann eine fachlich vollständige Anamnese trotzdem kommunikativ unzureichend sein, wenn die Person den Eindruck bekommt, dass sie lediglich „abgefragt“ wird.

3. Perspektive statt nur Fakten

Die Kommunikation soll die biomedizinische und die subjektive Krankheits-/Lebensperspektive zusammenführen. Daraus ergibt sich ein zentraler Unterschied: „Was hat die Person?“ ist nicht dasselbe wie „Was bedeutet das für die Person?“

4. Dialog statt Informationsübertragung

Erklären bedeutet im Calgary-Cambridge-Sinn nicht einfach, möglichst viele korrekte Informationen zu senden. Das Gegenüber soll verstehen, einordnen, nachfragen und mitplanen können.

Stolperfallen im Überblick

Woran erkennt man sie? Und was ist besser?

  • Checklistenmodus — Frage folgt auf Frage → besser: Gespräch adaptiv führen
  • Faktenmodus — Information beginnt, bevor Anliegen klar ist → besser: erst Perspektive und Ziel klären
  • Informationsmonolog — Fachperson spricht lange am Stück → besser: kleine Informationseinheiten + Rückfragen
  • Pseudoverständnis — „Alles klar?“ – „Ja.“ → besser: Teach-back
  • Fachjargon — medizinische Begriffe ohne Übersetzung → besser: Alltagssprache + Beispiele
  • Versteckte Empfehlung — eine Option wird sprachlich bevorzugt → besser: Optionen vergleichbar darstellen
  • Präferenzannahme — „Sie möchten sicher …“ → besser: Präferenz erfragen
  • Zu frühe Entscheidung — Lösung steht fest, bevor abgewogen wurde → besser: Deliberation ermöglichen
  • Fehlendes Signposting — Gespräch wirkt sprunghaft → besser: „Zuerst … danach … am Ende …“
  • Kein Sicherheitsnetz — „Wir warten erst einmal.“ → besser: Was? Wie lange? Wann wiederkommen?
  • Kein Abschluss — Gespräch endet ohne gemeinsamen Plan → besser: zusammenfassen + nächste Schritte
Zur Begriffsübersicht

Literatur

  • Beck RS, Daughtridge R, Sloane PD. Physician-patient communication in the primary care office: a systematic review. J Am Board Fam Pract. 2002 Jan-Feb;15(1):25-38. PMID: 11841136.
  • Burt J, Abel G, Elmore N, et al. (2014) Assessing communication quality of consultations in primary care: initial reliability of the Global Consultation Rating Scale, based on the Calgary-Cambridge Guide to the Medical Interview. BMJ Open;4:e004339. doi:10.1136/bmjopen-2013-004339
  • Kurtz SM, Silverman JD. The Calgary-Cambridge Referenced Observation Guides: an aid to defining the curriculum and organizing the teaching in communication training programmes. Med Educ. 1996 Mar;30(2):83-9. doi: 10.1111/j.1365-2923.1996.tb00724.x. PMID: 8736242.
  • Shersher V, Haines TP, Sturgiss L, Weller C, Williams C. Definitions and use of the teach-back method in healthcare consultations with patients: A systematic review and thematic synthesis. Patient Educ Couns. 2021 Jan;104(1):118-129. doi: 10.1016/j.pec.2020.07.026. Epub 2020 Aug 1. PMID: 32798080.