Glossar

Glossar Shared Decision Making (SDM)

Shared Decision Making ist ein Prozess, in dem Fachperson und Gegenüber gemeinsam eine Entscheidung treffen — insbesondere dann, wenn mehrere vertretbare Optionen bestehen und ihre Bewertung von persönlichen Zielen und Werten abhängt.

Shared Decision Making (SDM)

Partizipation gilt als Schlüssel zu verbesserter Behandlungsqualität und -sicherheit. Das Zeitargument gilt als der häufigste Hinderungsgrund, auf partizipative Gesprächsführung zu verzichten. Allerdings liefert die Studienlage keine Evidenz für diese Belastung (Légaré, Witteman 2013). Deshalb ist folgende These von Popow bedenkenswert: „Wenn Partizipation nicht als Einstellung und Prinzip gelebt wird, ist sie schwieriger zu handhaben als direktives Verhalten“ (Popow 2014: 63).

Shared Decision Making ist ein Prozess, in dem Fachperson und Patient:in und/oder anvertraute Personen gemeinsam eine gesundheitliche Entscheidung treffen, insbesondere dann, wenn mehrere medizinisch vertretbare Optionen bestehen und deren Bewertung von individuellen Zielen, Werten und Präferenzen abhängt. Ein bedeutsamer Unterschied zum Konzept des „informed consent“ besteht darin, dass der Fokus nicht allein auf einer evidenzbasierten Informiertheit der Patient:innen liegt. Vielmehr soll auch die konkrete Lebenssituation und die jeweiligen Einstellungen, Werte etc. adressiert werden, um eine tatsächlich tragfähige Entscheidungsbasis mit mehr Aussicht auf Adhärenz zu erreichen.

Entscheidungssituation markieren

Die Fachperson macht explizit sichtbar, dass jetzt eine Entscheidung ansteht und dass es mehr als einen möglichen Weg gibt. Die Person soll erkennen können, dass ihre Präferenzen für die Entscheidung relevant sind.

Beispiel

  • „Wir haben hier tatsächlich mehrere Möglichkeiten, die medizinisch infrage kommen. Welche davon für Sie am besten passt, hängt auch davon ab, was Ihnen im Alltag wichtig ist.“
Besonders sinnvoll bei
  • mehreren medizinisch vertretbaren Optionen
  • elektiven Eingriffen
  • Therapieentscheidungen
  • Screening- und Vorsorgeentscheidungen
  • Entscheidungen mit relevanten Trade-offs
Stolperfallen
  • Eine Wahlmöglichkeit suggerieren, obwohl medizinisch faktisch keine besteht.
  • Eine Option erst nach einer bereits ausgesprochenen Empfehlung erwähnen.
  • „Sie können entscheiden“ sagen, ohne tatsächlich Wahlmöglichkeiten anzubieten.

Mehr dazu:Entscheidungssituation markieren

Präferenzen explorieren

Nicht nur fragen, was jemand wählen möchte, sondern herausfinden, warum und welche Ziele, Werte, Sorgen oder Lebensumstände die Entscheidung beeinflussen.

Beispiel

  • „Wenn Sie an die nächsten zwei Jahre denken: Was wäre Ihnen wichtiger – möglichst wenig Beschwerden zu haben oder möglichst wenig Medikamente einzunehmen?“
  • „Was macht Ihnen bei den verschiedenen Möglichkeiten besonders Sorgen?“
Besonders sinnvoll bei
  • langfristigen Therapieentscheidungen
  • unterschiedlichen Nutzen-Risiko-Profilen
  • Entscheidungen über Lebensqualität
  • chronischen Erkrankungen
  • Entscheidungen, bei denen Alltagsziele eine große Rolle spielen
Stolperfallen
  • Präferenzen vorschnell aus Alter, Lebensstil oder Diagnose ableiten.
  • Nur nach „Was möchten Sie?“ fragen, ohne die zugrunde liegenden Werte zu explorieren.
  • Eine geäußerte Präferenz als unveränderlich behandeln, obwohl neue Informationen sie verändern können.

Bemerkenswert ist, dass die persönliche Perspektive in realen SDM-Gesprächen offenbar noch häufig zu wenig explizit erhoben und in die Entscheidung integriert wird.

Mehr dazu:Werte des Gegenübers erfragen (SDM)

Optionen darstellen

Die relevanten Optionen werden verständlich, vergleichbar und möglichst neutral dargestellt – einschließlich der Möglichkeit, zunächst nichts zu verändern bzw. abzuwarten, wenn dies medizinisch vertretbar ist. Optionen sollen möglichst nach einer einheitlichen Struktur dargestellt werden: Was ist es? / Was bringt es? / Welche Nachteile gibt es? Und: Was bedeutet dies im Alltag?

Beispiel

  • „Im Wesentlichen gibt es drei Möglichkeiten: Wir können A machen, wir können B machen oder – weil Ihre Beschwerden momentan mild sind – zunächst beobachten.“
Stolperfallen
  • Informationsüberflutung
  • Fachsprache
  • eine Option wesentlich ausführlicher darstellen als andere
  • Alternativen unterschlagen
  • „Standardtherapie“ mit „einzig sinnvoller Therapie“ gleichsetzen

Mehr dazu:Optionen präsentieren (SDM)

Risiken & Nutzen erklären

Nutzen und mögliche Schäden werden so kommuniziert, dass die Person Größenordnung und Bedeutung verstehen und miteinander vergleichen kann. Besonders hilfreich sind absolute Häufigkeiten und natürliche Bezugsgrößen.

Weniger günstig

  • „Das Risiko wird um 50 % reduziert.“

Besser

  • „Ohne Behandlung betrifft es etwa 4 von 100 Personen, mit Behandlung etwa 2 von 100.“
Zusätzlich zu beachten
  • Zeitraum nennen
  • Bezugsgruppe nennen
  • relevante Nebenwirkungen nicht verschweigen
  • Unsicherheit der Zahlen benennen
  • nicht nur statistische, sondern auch alltagsrelevante Konsequenzen nennen
Stolperfallen
  • relative Risiken ohne absolute Zahlen
  • „kleines Risiko“ ohne Größenordnung
  • Framing („95 % bleiben verschont“ vs. „5 % erleiden …“)
  • Nutzen sehr konkret, Nebenwirkungen dagegen vage darstellen

Mehr dazu:Vor- und Nachteile besprechen (SDM)

Teach-back

Die Patient:innen werden gebeten, mit eigenen Worten wiederzugeben, was sie verstanden haben. Wichtig: Teach-back ist kein Test der Patient:innen, sondern ein Test der Verständlichkeit der eigenen Kommunikation.

Ungünstig

  • „Haben Sie das verstanden?“

Besser

  • „Damit ich sicher bin, dass ich es verständlich erklärt habe: Können Sie mir kurz erzählen, wie Sie die beiden Möglichkeiten verstanden haben?“
Besonders sinnvoll bei
  • komplexen Entscheidungen
  • mehreren Optionen
  • Risikoangaben
  • Medikamentenänderungen
  • Entlassungen
  • Einwilligungsgesprächen
Stolperfallen
  • Prüfungsatmosphäre erzeugen
  • „Dann wiederholen Sie mal …“
  • nur Ja/Nein-Fragen stellen
  • Teach-back erst am Ende eines langen Informationsmonologs einsetzen

Systematische Reviews finden insgesamt Hinweise auf positive Effekte auf Wissen und Selbstmanagement, weisen aber zugleich auf heterogene Studien und teilweise begrenzte Evidenzqualität hin.

Mehr dazu:Verständnis sichern (Teach-back)

Deliberation

Deliberation bezeichnet die gemeinsame Abwägung: Was bedeutet die Information für diese konkrete Person? Es geht nicht darum, möglichst schnell eine Entscheidung zu erreichen, sondern darum, Raum für Abwägung zu schaffen.

Beispiel

  • „Wenn Sie das jetzt miteinander vergleichen: Was spricht für Sie eher für die Operation, und was spricht eher dagegen?“
  • „Welche dieser möglichen Nachteile würden Sie eher in Kauf nehmen?“
Besonders sinnvoll bei
  • Ambivalenz
  • Unsicherheit
  • emotional belastenden Entscheidungen
  • mehreren ähnlich plausiblen Optionen
Stolperfallen
  • zu frühes „Dann machen wir also …“
  • eigene Präferenz unbewusst als Argument einbringen
  • Schweigen oder Unsicherheit vorschnell als Zustimmung interpretieren
  • Patient:innen zur Entscheidung drängen

Mehr dazu:Deliberation unterstützen

Präferenzsensitiv entscheiden

Je stärker mehrere medizinisch vertretbare Optionen davon abhängen, was der Person wichtig ist, desto stärker sollte die Entscheidung gemeinsam gestaltet werden.

Beispiel

  • Zwei Therapien sind medizinisch vertretbar:
  • Therapie A: höhere Erfolgswahrscheinlichkeit, aber mehr Nebenwirkungen
  • Therapie B: geringere Erfolgswahrscheinlichkeit, aber weniger Nebenwirkungen
Stolperfallen
  • SDM ist nicht automatisch bei jeder medizinischen Frage erforderlich.
  • Bei einem akuten medizinischen Notfall kann eine unmittelbare Intervention notwendig sein. Ebenso kann eine Option medizinisch eindeutig indiziert oder kontraindiziert sein.

Mehr dazu:Präferenzsensitives Entscheiden

Empfehlung einbringen

SDM bedeutet nicht, dass die Fachperson keine Empfehlung geben darf. Im Gegenteil: Patient:innen können ausdrücklich nach einer Einschätzung fragen, und die Fachperson kann eine Empfehlung anbieten (siehe Ask–Offer–Ask).

Beispiel

  • „Möchten Sie meine Einschätzung dazu?“
  • „Aufgrund Ihrer Situation würde ich eher zu A tendieren. Entscheidend wäre für mich aber, wie Sie die möglichen Nebenwirkungen gewichten.“

Hier werden fachliche Empfehlung und persönliche Präferenz voneinander getrennt.

Stolperfallen
  • Empfehlung als scheinbar objektiv einzig richtige Entscheidung präsentieren
  • „Ich würde an Ihrer Stelle …“
  • Alternativen nach der Empfehlung nicht mehr ernsthaft diskutieren
  • Autorität einsetzen, um Unsicherheit zu verdecken

Mehr dazu:Empfehlung transparent einbringen

Unsicherheit kommunizieren

Die Fachperson macht transparent, was bekannt, was wahrscheinlich und was unklar ist. Unsicherheit soll nicht einfach weitergegeben werden, sondern verständlich eingeordnet werden. Bestehende Unsicherheiten werden also nicht weggeredet, sondern eher handhabbar gemacht.

Was wissen wir? → Was wissen wir nicht? → Was bedeutet das für Ihre Entscheidung?

Beispiel

  • „Wir wissen ziemlich gut, wie häufig diese Nebenwirkung auftritt. Weniger sicher sind wir, wie gut die Behandlung bei Menschen mit genau Ihrer Ausgangssituation wirkt.“
Stolperfallen
  • falsche Präzision und unzulässige Vereindeutigung
  • „Das weiß man nicht“ ohne weitere Einordnung
  • Unsicherheit als Grund verwenden, gar keine Empfehlung oder Orientierung zu geben
  • Patient:innen mit (methodischen) Details überfordern

Mehr dazu:Unsicherheit offen kommunizieren

Gemeinsame Entscheidung

Am Ende werden die wesentlichen Informationen, Präferenzen und die getroffene Entscheidung zusammengeführt und explizit gemacht.

Beispiel

  • „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist Ihnen wichtig, möglichst schnell wieder belastbar zu sein, und Sie würden dafür das etwas höhere Nebenwirkungsrisiko in Kauf nehmen. Dann wäre A die Option, die am ehesten zu Ihren Zielen passt. Wollen wir es so festhalten?“
Stolperfallen
  • vorschneller Abschluss
  • offene Fragen übergehen
  • Entscheidung formulieren, bevor die Präferenzen geklärt sind
  • „Dann machen wir das so“ ohne Rückversicherung

Mehr dazu:Gemeinsamen Plan entwickeln (SDM)

Vertagen / Watchful Waiting

Nicht jede Entscheidung kann und muss sofort getroffen werden. Wenn medizinisch vertretbar, kann Abwarten selbst eine aktive Entscheidung sein. Bei Watchful Waiting gehört bisweilen allerdings ein Sicherheitsnetz (safety netting) dazu: „Wenn X auftritt, melden Sie sich früher; wenn es unverändert bleibt, machen wir Y.“

Beispiel

  • „Wir müssen heute nicht zwingend entscheiden. Sie können darüber schlafen und wir sprechen am Freitag noch einmal darüber.“
Besonders sinnvoll bei
  • geringer Dringlichkeit
  • hoher Präferenzunsicherheit
  • unklarer Entwicklung
  • Entscheidungen mit hoher emotionaler Belastung
Stolperfallen
  • „Abwarten“ ohne konkreten Plan
  • fehlender Follow-up-Termin

Mehr dazu:Entscheidung vertagen (Watchful Waiting)

Decision Aids

Decision Aids sind strukturierte, unabhängige Entscheidungshilfen, die Patient:innen bei einer konkreten Wahl unterstützen. Mehrsprachiges, zielgruppenadäquates Informationsmaterial ist hier zu empfehlen. Sie können bei der Klärung unterstützen, nicht aber das persönliche Gespräch ersetzen.

Beispiel

  • „Ich gebe Ihnen diese Entscheidungshilfe mit. Dort können Sie die beiden Behandlungsmöglichkeiten noch einmal in Ruhe vergleichen. Wir besprechen beim nächsten Termin, was Ihnen dabei besonders aufgefallen ist.“
Stolperfallen
  • veraltete oder interessengeleitete Materialien
  • Entscheidungshilfe als Ersatz für persönliche Deliberation
  • Zahlen ohne Kontext

Mehr dazu:Decision Aids nutzen

Zur Begriffsübersicht

Literatur

  • Dahl, M. (2002): Impfungen in der Pädiatrie und der „informed consent“ – Balanceakt zwischen Sozialpaternalismus und Autonomie. In: Ethik Med, Jg. 14, H. 3: 201–214.
  • Légaré, F. u. Witteman, H. O. (2013): Shared decision making: examining key elements and barriers to adoption into routine clinical practice. In: Health Affairs, Jg. 32, H. 2: 276–284.
  • Popow, C. (2014): Therapie als Partizipationschance. In: Paediatr Paedolog, Jg. 49: 62–67.
  • Rake EA, Box ICH, Dreesens D, Meinders MJ, Kremer JAM, Aarts JWM, Elwyn G. Bringing personal perspective elicitation to the heart of shared decision-making: A scoping review. Patient Educ Couns. 2022 Sep;105(9):2860-2870. doi: 10.1016/j.pec.2022.05.009. Epub 2022 May 16. PMID: 35659466.
  • Stacey et al. (2024), Cochrane – Decision Aids: aktueller systematischer Review zu Entscheidungshilfen. doi: 10.1002/14651858.CD001431.pub5
  • Shersher V, Haines TP, Sturgiss L, Weller C, Williams C. Definitions and use of the teach-back method in healthcare consultations with patients: A systematic review and thematic synthesis. Patient Educ Couns. 2021 Jan;104(1):118-129. doi: 10.1016/j.pec.2020.07.026. Epub 2020 Aug 1. PMID: 32798080.
  • Talevski J, Wong Shee A, Rasmussen B, Kemp G, Beauchamp A (2020) Teach-back: A systematic review of implementation and impacts. PLoS ONE 15(4): e0231350. doi: 10.1371/journal.pone.0231350